Authentische GFK (Thom Bond)

Im Verlauf des Kurses haben wir immer wie­der spe­zi­fi­sche Worte als Hilfestellung dafür ver­wen­det, um die bei­den Bereiche bes­ser zu ver­ste­hen, aus denen unse­re Gedanken ent­sprin­gen: das Denken aus Gewohnheit und das Denken, das aus einer Bewusstheit her­aus ent­steht. Wir haben immer wie­der bestimm­te Worte ver­wen­det, die uns dabei unter­stüt­zen, dass wir uns unse­rer Lebensenergie bewuss­ter wer­den. Das ist auch der Grund, war­um wir in unse­ren Übungen so oft die Gefühls- und Bedürfnisliste zu Rate zie­hen. Und obwohl es eine wir­kungs­vol­le Methode ist, unse­re Bewusstheit wei­ter zu ent­wi­ckeln, kann es für ande­re höl­zern und manch­mal sogar absto­ßend klin­gen, wenn wir sol­che Worte im all­täg­li­chen Leben ver­wen­den.

Mitgefühl im Alltag

Viele von uns ver­su­chen die­ses Problem so zu lösen, dass sie in ihrer Wortwahl tra­di­tio­nel­le­re oder umgangs­sprach­li­che Begriffe ver­wen­den. Diesen Sprachstil kön­nen wir „Mitgefühl im Alltag“ nen­nen.

Es ver­mag mehr Leichtigkeit und Akzeptanz beim Gegenüber zu erzeu­gen, wenn wir uns mit der Zeit von den „ein­stu­dier­ten“ Gefühls- und Bedürfniswörtern los­lö­sen und unse­re Gefühle und Bedürfnisse umgangs­sprach­lich aus­drü­cken kön­nen.

Stellen Sie sich vor, wie ein Freund/eine Freundin zu Ihnen sagt: „Ich bin fix und fer­tig! Ich weiß ein­fach nicht mehr wei­ter.“ Und dann stel­len Sie sich vor, wie es klin­gen wür­de, wenn Sie dar­auf sagen: „Also ich den­ke, du fühlst dich gera­de müde und ent­mu­tigt, weil du Erholung und Hoffnung brauchst.“ Und stel­len Sie sich jetzt alter­na­tiv vor, wie Sie sagen: „Wow. Du bist echt ziem­lich down, oder?“

Ein Mensch wür­de viel­leicht bei der ers­ten Antwort am liebs­ten weg­lau­fen und sich fra­gen, ob Sie noch rich­tig ticken. Bei der zwei­ten Antwort könn­te der oder die­je­ni­ge viel­leicht seuf­zen und sagen: „Ja, genau.“ Die letz­te­re Ausdrucksweise stammt aus einer Bewusstheit über Gefühle und Bedürfnisse, die eine schö­ne und natür­li­che Verbindung ent­ste­hen lässt. Dafür braucht es nicht not­wen­di­ger­wei­se spe­zi­fi­sche Worte.

 

Die Herausforderung

Obwohl es vie­len ein Anliegen ist, auf die­se natür­li­che Art zu spre­chen, gibt es dabei auch Herausforderungen und mög­li­che Fallen. Als Trainer und Lehrer habe ich immer wie­der erlebt, dass wir oft sehr schnell in unse­re gewohn­ten Denkmuster zurück­fal­len, wenn wir mög­lichst bald ver­su­chen, zu die­ser natür­li­chen Sprache zu fin­den. Wir mögen uns zwar die­se Fähigkeit sofort wün­schen, aber Tatsache ist, dass es gro­ßes Geschick erfor­dert; Es han­delt sich hier um eine fort­ge­schrit­te­ne Fertigkeit, die sorg­fäl­tig auf­ge­baut und immer wie­der geübt wer­den will, wenn es dar­um geht, eine ech­te, mit­füh­len­de inne­re Haltung wider­zu­spie­geln.
Wie bereits erwähnt, hilft uns das Üben mit dem spe­zi­fi­schen Vokabular der Gefühls- und Bedürfnisliste dabei, die Art von Bewusstheit zu erzeu­gen und auf­recht­zu­er­hal­ten, die wir anstre­ben. Wenn wir eine „tra­di­tio­nel­le­re“ Sprache ver­wen­den, dann kön­nen uns deren Worte ganz leicht wie­der zu unse­ren gewohn­ten Mustern des Erziehen-Wollens, Verharmlosens, Analysierens, etc. zurück­wer­fen (sie­he dazu Woche 10).
Obwohl es also bei der Art von Bewusstheit, die wir ent­wi­ckeln möch­ten, letzt­end­lich nicht um die Worte geht, so ist es doch klar für mich, dass die Gefühls- und Bedürfniswörter ein wich­ti­ges Werkzeug dabei dar­stel­len.

 

Was können wir also tun? — Transparenz

Zu Beginn mei­ner Beschäftigung mit einer mit­füh­len­den Lebensweise und Sprache, hat­te ich stän­dig einen inne­ren Konflikt. Ich wünsch­te mir so sehr die Verbindung, von der ich wuss­te, dass Gefühls- und Bedürfniswörter sie erzeu­gen konn­ten. Zugleich wuss­te ich, dass es oft schwer für ande­re ist, etwas mit die­ser Art von Sprache anzu­fan­gen, weil sie so anders ist, als die „nor­ma­le“ Sprache.

Ich mach­te mir Sorgen dar­über, dass ich Freunde ver­lie­ren und Familienmitglieder vor den Kopf sto­ßen könn­te, wenn ich auf die­se Art und Weise sprach. Es erschien mir so para­dox, denn das, was ich übte, war dazu gedacht, mehr Verbindung her­zu­stel­len, und doch schien es so, als wür­de genau das Gegenteil pas­sie­ren.

Zur dama­li­gen Zeit ver­wen­de­te ich Gefühls- und Bedürfniswörter ein­fach ohne viel dar­über nach­zu­den­ken, und es war mir meist nicht bewusst, dass ich dadurch „unnor­mal“ für ande­re rüber­kam. Es erzeug­te den Eindruck von „Unechtheit“ bei den ande­ren Menschen, mit denen ich in Verbindung tre­ten woll­te. Da wur­de mir klar, dass mei­ne Freunde und Verwandten nicht dar­auf reagier­ten, dass ich etwas anders mach­te. Sie reagier­ten auf mei­nen Mangel an „Transparenz“. Es klang für sie so, als wäre ich „unecht“. Und außer­dem hat­ten sie auch kei­ne Entscheidungsfreiheit über unse­ren Gesprächsstil, da ich sie dies­be­züg­lich nicht mit ein­be­zo­gen hat­te. Von ihrem Standpunkt aus „über­fiel“ ich sie gera­de­zu mit Empathie.

Durch die­se Offenbarung lern­te ich, die Dinge anders anzu­ge­hen. Ich lern­te „trans­pa­rent“ zu sein. So erklär­te ich mei­nen Mitmenschen, dass ich gera­de ver­such­te, mit ihnen auf eine „neue“, „unnor­ma­le“ Art zu inter­agie­ren, und das ver­än­der­te wirk­lich die Art, wie wir unse­re Begegnung erleb­ten.

Wenn es mir heut­zu­ta­ge nicht gelingt, den rich­ti­gen umgangs­sprach­li­chen Ton zu fin­den, sage ich ein­fach so etwas Ähnliches wie: „Kann ich dich etwas fra­gen – es mag aller­dings ein biss­chen eigen­ar­tig klin­gen?“ Meistens bekom­me ich ein „Ja“ als Antwort. Und oft ent­steht dann die Art von Verbindung, die ich so sehr genie­ße… und die das Leben für alle unge­mein berei­chert.

Aus der Praxis

Willst du‘s mal probieren?”

Nach mei­nen ers­ten paar Monaten des „Studiums“ einer mit­füh­len­den Lebensweise, unter­nahm ich den Versuch, Gefühle und Bedürfnisse immer öfter in mei­ne Gespräche ein­zu­bau­en. Zu anfangs funk­tio­nier­te es gar nicht gut.

Ich erin­ne­re mich an einen Nachmittag, ich war in mei­nem Büro und sprach mit mei­nem Sohn. Ich sprach das Thema „Sauberkeit in sei­nem Zimmer“ an und frag­te ihn, wann er geden­ke, sein Zimmer auf­zu­räu­men und zu put­zen. Irgendwann sag­te er: „Schau, Papa, ich habe gera­de ande­re Dinge zu tun, und mein Zimmer ist gera­de nicht obers­te Priorität für mich.“ In der Hoffnung, mehr Verbindung zu erzeu­gen, sag­te ich dar­auf­hin: „Fühlst du dich gera­de über­for­dert und möch­test mehr Raum für dich?“

Als er das hör­te, ver­schränk­te er sei­ne Arme, schüt­tel­te in einer Geste des Abscheus den Kopf und sag­te: „Du wen­dest schon wie­der die­ses Zeug an, nicht wahr?“

Genau das tat ich. Und ich erkann­te, dass es nichts ande­res bewirk­te, als Distanz zu erzeu­gen. Ich war rat­los und frag­te mich allen Ernstes, ob die­se neue Art zu den­ken und zu reden jemals mein Leben zum Besseren ver­än­dern wür­de. Plötzlich wur­de mir etwas klar: Ich wünsch­te mir ein­fach mehr Verbindung zu mei­nem Sohn.

Weißt du, Collin, ich stu­die­re die­ses Zeug jetzt schon eine gan­ze Weile und ich bin über­zeugt davon, dass wir, wenn wir es gemein­sam üben wür­den, bes­ser mit­ein­an­der aus­kom­men könn­ten. Willst du’s mal pro­bie­ren?“

Ich hoff­te, die­se Frage wür­de einen Dialog zwi­schen uns bei­den eröff­nen. Ich berei­te­te mich im Kopf schon dar­auf vor, die zahl­rei­chen Gründe zu erklä­ren, war­um ich die­se Praxis gern für uns bei­de in unser Leben ein­bau­en woll­te. Ich begann im Kopf bereits sämt­li­che Erfolgsgeschichten und Konzepte, die ich gelernt hat­te, her­vor­zu­kra­men. Als ich mich gera­de see­lisch auf die ver­meint­li­che Diskussion ein­stimm­te, sag­te Collin plötz­lich: „OK.“

Ich ver­warf all mei­ne vor­be­rei­te­ten Gedanken, um in den gegen­wär­ti­gen Augenblick zurück­zu­keh­ren. Und wäh­rend­des­sen fiel mir ein, dass er sich immer gewünscht hat­te, bes­ser mit mir aus­zu­kom­men. Alles, was er brauch­te, war Authentizität. Ich ant­wor­te­te: „Cool“.

 

Übungen der Woche

Übung 1 — Mitgefühl im Alltag – Diese Übung funktioniert gut mit einem Partner/einer Partnerin, aber Sie können sie auch allein machen.

Schreiben Sie als ers­ten Schritt etwas auf, was jemand zu Ihnen gesagt hat, das einen Schmerz oder ein uner­füll­tes Bedürfnis aus­drückt. Versuchen Sie dann, sich die Gefühle und Bedürfnisse der ande­ren Person vor­zu­stel­len und schrei­ben Sie sie auf. Als drit­ten Schritt schrei­ben Sie eine Antwort auf, die die­se Gefühle und Bedürfnisse beschreibt und aus­drückt, ohne dabei das spe­zi­fi­sche Wort für das Gefühl und das Bedürfnis zu ver­wen­den.

Zum Beispiel: Jemand sagt: „Diese Woche ist total ver­rückt. Ich fin­de nicht ein­mal fünf Minuten Zeit für mich selbst.“ Stellen Sie sich die Frage: Ist die­se Person frus­triert, über­for­dert, gestresst? Braucht sie Gleichgewicht, Raum, Unterstützung? Was könn­ten Sie sagen, das der ande­ren Person zeigt, dass Sie sie ver­ste­hen, ohne dass Sie die oben erwähn­ten Worte benut­zen?

Falls Sie einen Partner/eine Partnerin für die­se Übung fin­den, wie z.B. einen Empathiepartner/eine Empathiepartnerin, kön­nen Sie gemein­sam mit ver­schie­de­nen Sätzen expe­ri­men­tie­ren und nach­spü­ren, wie sie jeweils bei der ande­ren Person ankom­men.

 

Übung 2 – Weitere Übung zur Empathie im Alltag — Diese Übung funktioniert ebenfalls gut mit einem Partner/einer Partnerin, aber Sie können sie auch allein machen.

Schreiben Sie als ers­ten Schritt etwas auf, was jemand zu Ihnen gesagt hat, das Freude oder ein erfüll­tes Bedürfnis aus­drückt. Versuchen Sie dann, sich die Gefühle und Bedürfnisse der ande­ren Person vor­zu­stel­len und schrei­ben Sie sie auf. Als drit­ten Schritt schrei­ben Sie eine Antwort auf, die die­se Gefühle und Bedürfnisse beschreibt und aus­drückt, ohne dabei das spe­zi­fi­sche Wort für das Gefühl und das Bedürfnis zu ver­wen­den.

Zum Beispiel: Jemand sagt: „Ich bin so froh dar­über, dass ich die­ses Wochenende mehr Zeit für mich habe“. Ist die­se Person über­rascht, auf­ge­dreht, erfreut, erleich­tert? Ist ihr Bedürfnis nach Gleichgewicht, Raum, Spaß, Entscheidungsfreiheit erfüllt? Was könn­ten Sie sagen, das der ande­ren Person zeigt, dass Sie sie ver­ste­hen, ohne dass Sie die ein­gangs erwähn­ten Worte benut­zen?

Falls Sie einen Partner/eine Partnerin fin­den, wie z.B. einen Empathiepartner/eine Empathiepartnerin, kön­nen Sie — wie bei der Übung 1- gemein­sam mit ver­schie­de­nen Sätzen expe­ri­men­tie­ren und nach­spü­ren, wie sie jeweils bei der ande­ren Person ankom­men.

Anmerkung: Im letz­ten Jahr hat­ten die TeilnehmerInnen im Forum viel Spaß mit die­sen Übungen. Haben Sie viel­leicht ein biss­chen „Mitgefühl für die Straße“, das sie mit der Gruppe tei­len möch­ten?

 

Übung 3 — Plan B – Transparent sein – Denken Sie an eine Person in Ihrem Leben zu der Sie sich mehr Verbindung wünschen und mit der es sich für Sie eigenartig anfühlen würde, wenn Sie reine Gefühls- und Bedürfnisworte verwenden würden.

Verschaffen Sie sich Klarheit – Geben Sie sich selbst Empathie (oder emp­fan­gen Sie Empathie von jemand ande­rem) dar­über, war­um Sie mit die­ser Person gern über Gefühle und Bedürfnisse spre­chen möch­ten und auch, war­um es sich für Sie unan­ge­nehm anfühlt. Mit ande­ren Worten, wer­den Sie sich über Ihre Bedürfnisse klar.

Seien Sie trans­pa­rent – Teilen Sie Ihren Wunsch nach mehr Verbindung mit und erklä­ren Sie, dass Sie Gefühls- und Bedürfniswörter ver­wen­den möch­ten. Fragen Sie nach, was in der ande­ren Person vor sich geht, wenn sie Ihren Wunsch hört. Seien Sie auch bereit, der ande­ren Person gege­be­nen­falls Empathie zu geben und über­prü­fen Sie Ihre Bereitschaft, ein „Nein“ zu hören, falls die ande­re Person mit Ihrer Strategie nicht ein­ver­stan­den ist (sie­he Woche 13 und Woche 15).

© Copyright Thom Bond 2014