Bitte, nenne mich bei meinem wahren Namen!

Bitte, nen­ne mich bei mei­nem wah­ren Namen!

Sag nicht, dass ich mor­gen abrei­sen wer­de,
denn ich kom­me auch heu­te noch an.

Betrachte es ganz tief: Jede Sekunde kom­me ich an,
sei es als Knospe in einem Frühlingszweig
oder als win­zi­ger Vogel mit noch zar­ten Flügeln,
der im neu­en Nest erst sin­gen lernt.
Ich kom­me an als Raupe im Herzen der Blume
oder als Juwel, ver­bor­gen im Stein.

Ich kom­me stets gera­de erst an, um zu lachen und zu wei­nen,
mich zu fürch­ten und zu hof­fen.
Der Schlag mei­nes Herzens ist Geburt und Tod
von allem, was lebt.

Ich bin die Eintagsfliege,
die an der Wasseroberfläche des Flusses schlüpft.
Und ich bin auch der Vogel, der her­ab­stürzt, um sie zu schnappen.

Ich bin der Frosch, der ver­gnüg­lich im kla­ren
Wasser eines Teiches schwimmt.
Und ich bin die Ringelnatter,
die in der Stille den Frosch verspeist.

Ich bin das Kind aus Uganda, nur Haut und Knochen,
mit Beinchen so dünn wie Bambusstöcke.
Und ich bin der Waffenhändler,
der tod­brin­gen­de Waffen nach Uganda verkauft.

Ich bin das zwölf­jäh­ri­ge Mädchen,
Flüchtling in einem klei­nen Boot,
das von Piraten ver­ge­wal­tigt wur­de
und nur noch den Tod im Ozean sucht.
Und ich bin auch der Pirat,
mein Herz ist noch nicht fähig,
zu erken­nen und zu lieben.

Ich bin ein Mitglied des Politbüros
mit reich­lich Macht in mei­nen Händen.
Und ich bin der Mann, der sei­ne „Blutschuld“
an sein Volk zu zah­len hat
und lang­sam in einem Arbeitslager stirbt.

Meine Freude ist wie der Frühling.
So warm, dass sie die Blumen auf der gan­zen Erde blü­hen lässt.
Mein Schmerz ist wie ein Tränenstrom.
So mäch­tig, dass er alle vier Meere ausfüllt.

Bitte, nen­ne mich bei mei­nem wah­ren Namen!
Damit ich all mein Weinen und Lachen
zugleich hören kann.
Damit ich sehe,
dass mei­ne Freude und mein Schmerz eins sind.

Bitte, nen­ne mich bei mei­nem wah­ren Namen!
Damit ich erwa­che!
Damit das Tor mei­nes Herzens von nun an offen steht,
das Tor des Mitgefühls.


— Thich Nhat Hanh

Hier folgt eine Version des Gedichts mit unter­leg­ter Musik und pas­sen­den Bildern auf You Tube.