Die würdevolle Präsenz

Die Würde besitzt eine gro­ße Schönheit; sie ist eine beson­de­re Qualität der Präsenz. Es ist schön Menschen zu begeg­nen, die in ihrer eige­nen Würde wohnen.

Der mensch­li­che Körper ist sei­ne eige­ne Sprache. Jede unse­rer Gebärden sagt etwas dar­über aus, wer wir sind. Die Art wie wir auf­tre­ten, wie wir gehen, sit­zen, spre­chen und Dinge berüh­ren, ver­rät etwas über die Beschaffenheit unse­rer Seele.

Manche Menschen besit­zen eine beson­de­re Würde in Auftreten und Haltung. Man spürt ihre Selbstachtung und ihr unbe­fan­ge­nes Daheimsein in ihrer eige­nen Gegenwart. Ihrer Gegenwart haf­tet nichts Gezwungenes an; sie gehen nicht aus sich her­aus, um Eindruck zu machen oder um sich einzuschneicheln.

Andere Menschen ver­schleu­dern all ihre Würde. Sie leben einen hal­ben Kilometer außer­halb ihrer selbst, stän­dig auf der Jagd nach Aufmerksamkeit und Bestätigung.

Unsere Gegenwart ver­rät unwei­ger­lich, was wir von uns selbst hal­ten. Wenn wir uns selbst nicht sehr ach­ten, ist es auch nicht wahr­schein­lich, daß die ande­ren uns respek­tie­ren werden.

Die Schönheit der Würde ist ihre Wahrheit. Als wir unse­re Reise zur Erde antra­ten, wur­den wir mit gro­ßer Freiheit beschenkt. Wir ver­ges­sen die­ses Geschenk all­zu leicht.

Ungeachtet des­sen, wie wir ande­ren erschei­nen, haben wir die Freiheit, uns selbst mit Zuneigung, Verständnis und Respekt zu betrach­ten. Es stimmt zwar, daß wir auf die Zuneigung und Liebe ande­rer ange­wie­sen sind, wenn wir die Liebe zu uns selbst wach­ru­fen sol­len, aber unser Sebstbewußtsein darf nicht von äuße­rer Bestätigung abhängen.

Wenn wir uns selbst schät­zen, über­trägt sich die­ses Bewußtsein auch auf unse­re phy­si­sche Gegenwart und unse­re Persönlichkeit. Äußere Würde ist lie­bens­wert und ach­tungs­ge­bie­tend; sie ist der Spiegel inne­rer Würde. Niemand außer uns kann uns Würde ver­lei­hen; sie ist etwas, was von innen her kommt. Wir kön­nen sie nicht nach­ah­men oder uns aneig­nen, wie zum Beispiel einen Akzent. Wir kön­nen sie nur als Geschenk unse­res Herzens empfangen.

Wenn wir ler­nen, unser Selbst mit einem Gefühl der Wertschätzung und Zuneigung anzu­neh­men, gewin­nen wir eine Ahnung von der Güte und dem Licht, die in uns sind, und erken­nen all­mäh­lich, daß wir unse­re Achtung verdienen.

Wenn wir unse­re Grenzen erken­nen, aber den­noch unser Leben vol­ler Zuneigung und Freundlichkeit umar­men, keimt in uns das Gefühl inne­rer Würde. Wir wer­den frei­er, weni­ger abhän­gig von der Bestätigung durch äuße­re Stimmen und weni­ger anfäl­lig für die Negativität ande­rer. Jetzt wis­sen wir, daß nie­mand das Recht hat, das Bild, das wir von uns haben, zu beschmutzen.

Nichts ist beschä­men­der als das Bewußtsein, uns selbst ent­täuscht, unse­rer selbst nicht wür­dig gehan­delt zu haben. Es hat etwas Erniedrigendes, etwas getan zu haben, das infra digni­tatem war – „unter unse­rer Würde“. Wir gäben alles dafür, zum Zeitpunkt zwei Minuten vor dem Ereignis zurück­keh­ren und dies­mal anders han­deln zu können.

Eine wür­de­vol­le Gegenwart ist nicht gleich­be­deu­tend damit, immer lieb und nett zu sein oder sich kon­ven­tio­nell zu ver­hal­ten. Wir kön­nen in unse­ren Ansichten, Überzeugungen und Handlungen so frei wie der Wind sein; wir kön­nen gele­gent­lich durch­aus wütend wer­den oder die Beherrschung ver­lie­ren – und uns den­noch unse­re Würde bewahren.

Ebensowenig ist Würde mit Steifheit oder einer arro­gan­ten, unnah­ba­ren Haltung gleich­zu­set­zen. Würde läßt eine extre­me Geschmeidigkeit und Mannigfaltigkeit der Präsenz zu und bewahrt dabei das Selbstwertgefühl und die Ehre eines umfas­sen­de­ren Horizonts von Anstand und Liebenswürdigkeit. Selbst in kom­pro­mit­tie­ren­den und ernied­ri­gen­den Situationen kön­nen wir uns unse­re Würde bewah­ren. Das Bewußtsein die­ser Würde umgibt uns dann mit einer schüt­zen­den Sphäre der Gelassenheit. In der Dritten Welt ist man oft ver­blüfft zu sehen, welch gro­ße Würde die Armen aus­strah­len. Selbst Hunger und Unterdrückung kön­nen ihnen die­se inne­re Armut nicht rauben.

Solange wir sie nicht auf­ge­ben, kann kein Ereignis, kei­ne Situation und kein Mensch uns je unse­re Würde nehmen.

Aus: John O’Donohue, Echo der Seele, S. 98–100: „Die wür­de­vol­le Präsenz“